Gedanken zur Bedeutung der Ingenieure

Grußwort zum IWSV-Ingenieurtag in Passau, 29. April 2016

In Deutschland arbeiten laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft rund 1,6 Millionen Ingenieure. Konservativ gerechnet, sorgen sie über alle Branchen hinweg für eine Wertschöpfung von fast 180 Milliarden Euro im Jahr.[1]

Wir Fachleute wissen natürlich um die Innovationskraft unserer Arbeit, unserer Daten und unserer Kreativität. Fachmessen, Fachvorträge und Publikationen zeugen davon.

Für mich das Stichwort, auch einmal den immensen Mehrwert, den Berufsverbände in dieser Hinsicht bieten, zu betonen. „Vereinsmeierei“ wird die aktive Mitarbeit in berufsständischen Vereinigungen manchmal abfällig genannt. Und dabei ist es genau diesen, meist ehrenamtlich, aktiven Fachkolleginnen und -Kollegen zu verdanken, dass Innovationen in unserem Beruf schneller zum Tragen kommen, öffentlichkeitswirksamer vermarktet und vor allem konzentrierter an die Politik herangetragen werden.

Ehrenamtliches Engagement ist ein fester Bestandteil unserer Zivilgesellschaft. Repräsentative Befragungen und Studien belegen, dass sich fast jeder dritte (31 Prozent) in Deutschland unentgeltlich für andere einsetzt. Gelegenheit  – nein besser gesagt: Grund für mich, an dieser Stelle einmal Dank zu sagen. Und zwar ausdrücklich auch an Sie, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die sich aktiv für die Belange der Ingenieurinnen und Ingenieure engagieren.  Das gemeinsame berufsständische Engagement, so wie es sich derzeit entfaltet, ist weit mehr als nur fachbezogenes wirtschaftliches Handeln, denn es stiftet kollektiven Sinn, erweitert Chancen und eröffnet neue gesellschaftliche Perspektiven.

Im ZBI, dem Zentralverband der Ingenieurvereine, für den ich hier heute spreche, sind bereits 50.000 Ingenieurinnen und Ingenieure der unterschiedlichsten Fachdisziplinen organisiert – darunter (natürlich) auch der IWSV, der sich seit vielen Jahrzehnten im Hauptvorstand und den Arbeitskreisen des ZBI äußerst aktiv einbringt.

Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, Einfluss und Interessen unseres gemeinsamen Berufsstandes, sollen sie erfolgreich zum Wirken gebracht werden, müssen in organisierter Form in den gesellschaftlichen Meinungsbildungsprozess eingebracht werden.

Die Zusammenarbeit aller Verbände – in welcher Struktur ein gemeinschaftliches Auftreten auch immer realisiert werden mag – eröffnet sehr viele weitergehende Möglichkeiten zur Umsetzung unserer gemeinsamen berufspolitischen und fachlichen Prämissen. Und der Themen gibt es viele.

Wer sieht, wie sehr Internet und Smartphone unser Leben in den letzten zehn Jahren verändert haben, wer sieht, mit welcher atemberaubenden Geschwindigkeit allein unsere fachlichen Methoden und Werkzeuge sich in letzter Zeit geändert haben, der kann eigentlich nicht glauben, dass unser Berufsfeld in 50 Jahren noch so aussieht wie heute.

Die Herausforderungen an den Berufsstand der Ingenieure sind da schon enorm: es geht um die Verdeutlichung unserer ingenieurwissenschaftlichen Expertise UND Verantwortung gegenüber Politik und Gesellschaft, es geht um die Anwendung und Nutzung von Daten und anspruchsvollen Technologien und es geht letztlich auch um den Fachkräfte- und Nachwuchsmangel. Themen, die uns alle bewegen und die wir nur gemeinsam und verbändeübergreifend angehen können.

Aber: Für unsere berufliche Qualifizierung als Ingenieure der Zukunft brauchen wir nicht nur Fachwissen, sondern auch Kreativität. Hinter dieser Formulierung steckt natürlich kein rhetorischer Weichmacher, sondern gemeint ist damit die Herausforderung einer knallharten Problemlösungskompetenz.

Die im ZBI zusammengeschlossenen Verbände stehen in diesem Kontext für die erfolgreiche aktive und strategische Nutzung ihres Innovationspotenzials und natürlich auch für das notwendige Netzwerk. Neudeutsch wird so etwas als gern als Open Innovation im Sinne von Crowdsourcing und Wikinomics bezeichnet.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, um den Bogen einmal etwas weiter zu spannen: Ingenieure leisten nicht nur Enormes für die Gesellschaft, sie sind auch ein bedeutender Arbeitgeber. Sie erbringen Leistungen, die unerlässlich sind für das Wachstum unserer Wirtschaft, für die Entwicklung der Gesellschaft und für das Gemeinwohl insgesamt.

Woody Allen sagte einmal: „Ich denke viel an die Zukunft, weil das der Ort ist, wo ich den Rest meines Lebens zubringen werde.“ Wer dieses Motto ernst nimmt, landet natürlich schnell bei den Fragen nach den Visionen für eine Gesellschaft. Die Fragen, woran sich Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und der oder die Einzelne ausrichten, sind immer in Umbruchzeiten besonders griffig. „Big Data“ ist beispielsweise so ein Megatrend, der nach Maßstäben, nach Orientierung, aber auch nach Verantwortung fragen lässt.

Natürlich wissen wir von der Macht der großen Daten, natürlich wissen wir vom stetig zunehmenden Einfluss der digitalen Technologien auf unsere Gesellschaft und natürlich wissen wir, dass Daten als einer der wichtigsten Rohstoffe des 21. Jahrhunderts gelten. „Digitales Gold“ oder „neues Öl“ – mit diesen Begriffen wird das wirtschaftliche Potential von Daten gegenwärtig verglichen. Und es gibt nicht nur die Unmengen an privatwirtschaftlich erzeugten Daten, es gibt auch massenhaft öffentliche Daten – übrigens auch in der WSV. Sollten also die Datenbestände im Besitz des Staates nicht ebenso wertvoll sein und zur Verfügung stehen, um einen volkswirtschaftlichen Mehrwert zu erzeugen?

Die in der vergangenen Woche im Auftrage der Konrad-Adenauer-Stiftung publizierte Open-Data-Studie des Institute for Public Information Management kommt zum Ergebnis, dass allein die offenen Verwaltungsdaten in Deutschland einen volkswirtschaftlichen Mehrwert von 43.1 Mrd. Eur. p.a. erzeugen und 20.000 Arbeitsplätze schaffen können.[2] Die Studie liefert damit ein starkes Argument, die systematische Bereitstellung offener Daten zu forcieren. Und viel mehr: Open Data kann Treiber des gesellschaftlichen Wandels sein und das Verhältnis von Staat, Bürger und Wirtschaft entscheidend prägen.

Aber ob sich die hohen Erwartungen an diese Variante der digitalen Transformation wirklich erfüllen, hängt davon ab, wie wir die positive Dynamik nutzen werden. Zum einen lassen sich Datensammlungen natürlich nutzen, um in der „4.0-Welt“ Prozesse, Produkte, Energie- oder Verkehrsströme optimal zu steuern. Zum anderen wird es aber schwierig, sobald personenbezogene Daten ins Spiel kommen. Verbesserte Rahmenbedingungen und politische Führung sind dafür zwingend erforderlich, denn immer mehr durchdringt Big Data die Zivilgesellschaft.

Nutzer von Smartphones und Co. erzeugen zahllose Fotos, Texte, Audio- und Videodateien. Sensoren, getarnt als modische Armbanduhren, vermessen ihre Träger vom Herzschlag bis zur chemischen Zusammensetzung ihrer Schweißsekretion beim Sport. Alltagsgegenständen wie beispielsweise T-Shirts heften wir die Fähigkeit zur digitalen Partizipation am „Internet der Dinge“ sprichwörtlich an, indem wir sie mit Bluetooth- oder RFID-Stickern bekleben, damit sie kabellos und unterbrechungsfrei an die Cloud melden können, wann und wie oft sie wohin bewegt werden – vom Kunden, der Verkäuferin oder einfach nur einem Windhauch. Sinnvoll oder nicht: Mit dem Ziel der Optimierung in Echtzeit wird alles überwachbar, quantifizierbar, kontrollierbar gemacht.

Die mentale Grundsituation unserer Zeit, ihre geistigen Grundströmungen, reflektieren aber immer auch das, was in der Ökonomie, dem sogenannten „Reich der Notwendigkeit“ Realität ist: eine unerhört beschleunigte ökonomisch-technologische Entwicklung, die bisherige Reichweiten, Standards und Normen permanent sprengt und die wir in der Reflexion, wie in der moralischen Verarbeitung ihrer Grenzen offenbar nicht einholen können. Wir erleben dann manchmal etwas, was schon der Philosoph Günther Anders mit seiner Kritik an der Technik beklagt hat: die „Zerstörung der Humanität“. Gesellschaftskritiker wie auch offizielle Institutionen bekräftigen daher auch immer wieder, dass die derzeitige Entwicklung nicht länger vertretbar sei, dass wir tiefgreifende Veränderungen vornehmen müssen.

Aber welche? Brauchen wir mehr oder weniger internationalen Handel, Marktwirtschaft, welche sozialen Praktiken sollten verstärkt oder verhindert werden?

Drängende Themen, beispielsweise nachhaltige Ökonomie, Klimaschutz, demografischer Wandel oder eben auch die Flüchtlingsthematik – sind hochkomplexe öffentliche Fragen. Obwohl diese uns direkt betreffen, wird der Beitrag unseres Berufsstandes zu ihrer Beantwortung nicht immer sichtbar.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir Ingenieure unsere Potenziale noch besser vermitteln wollen, wenn wir unseren Berufsstand politisch und gesellschaftlich mehr in den Vordergrund rücken wollen, dann müssen wir auch übergreifende Themenfelder besetzen und uns damit auseinandersetzen und gemeinsam mit Inhalten füllen.

Und dazu müssen wir uns als Verbände gemeinschaftlich organisieren, ansonsten wir bzw. unsere Interessen in der politischen und gesellschaftlichen Diskussion als bedeutungslos eingestuft werden. Und dafür brauchen wir Verbände wie den ZBI, der als Dachverband für Ingenieurvereine die gebündelte Meinung an die Politik heranträgt.

Die Leistungen der Ingenieure sind für diese Gesellschaft von großer Bedeutung. Aber: sie finden leider oftmals im Verborgenen, im Stillen statt.

Und hieran müssen wir was ändern: Unser Berufsstand verdient politisch und gesellschaftlich eine wesentlich größere Aufmerksamkeit. Und zwar nicht nur dann, wenn beispielsweise der Flughafen BER, VW-Ingenieure oder auch umweltpolitisch kritisch zu sehende Baumaßnahmen im Fokus stehen. Nein: wir brauchen eine nachhaltige Anerkennung unseres Berufsstandes.

Marketing ist da eines der oft genannten Schlagworte. Humoristisch gesehen, möchte ich abschließend Henry Ford zitieren, der einmal gesagt haben soll: „Enten legen ihre Eier in aller Stille. Hühner gackern dabei wie verrückt. Was ist die Folge? Alle Welt isst Hühnereier.“

Das heißt: Wer sich oder seine Produkte gut vermarkten will, muss gackern. Und da gackern ganz offensichtlich auch keine typische Eigenschaft von uns Ingenieuren ist, sollten wir uns schnellstens lernfähig zeigen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihrer Tagung einen guten Verlauf und viele anregende Gespräche!


 

 

 

 


  1. [1] Ingenieure – Gefährdete Spezies. Institut der deutschen Wirtschaft Köln, 2012
  2. [2] Open Data. The Benefits. Studie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung e.V., 2016