Ingenieure 4.0

In Deutschland arbeiten laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft rund 1,6 Millionen Ingenieure. Konservativ gerechnet, sorgen sie über alle Branchen hinweg für eine Wertschöpfung von fast 180 Milliarden Euro im Jahr.

Bedeutung für die Wirtschaft

Deutschland ist auf dem Weg zur digitalen Republik: Laut jüngsten Studien sind nahezu 60 Millionen Menschen, und damit dreimal mehr als vor 15 Jahren, regelmäßig auf den Datenautobahnen im World Wide Web unterwegs. Von vielen Trendthemen der Zeit ragt aktuell denn auch keines so heraus, wie das Megathema „Digitalisierung“. Allseits anerkannt ist zwischenzeitlich, dass der digitale Wandel sich nicht nur auf technische Systeme erstreckt, sondern in besonderem Maße auch digitale Kompetenzen und neuartige Denk- und Arbeitsweisen erfordert.

Um den Bogen einmal etwas weiter zu spannen: Ingenieure leisten nicht nur Enormes für die Gesellschaft, sie sind auch ein bedeutender Arbeitgeber. Sie erbringen Leistungen, die unerlässlich sind für das Wachstum unserer Wirtschaft, für die Entwicklung der Gesellschaft und für das Gemeinwohl insgesamt. Und bezogen auf unser Fachgebiet: Geodäsie ist ein Standortfaktor und sichert Arbeitsplätze!

Die Macht der Daten

Dazu ein Beispiel: Wir haben heute ein neues Verständnis von Erhebung, Analyse, Auswertung von Daten. Natürlich wissen wir von der Macht der großen Daten, natürlich wissen wir vom stetig zunehmenden Einfluss der digitalen Technologien auf unsere Gesellschaft und natürlich wissen wir, dass Daten als einer der wichtigsten Rohstoffe des 21. Jahrhunderts gelten. „Digitales Gold“ oder „neues Öl“ – mit diesen Begriffen wird das wirtschaftliche Potential von Daten gegenwärtig verglichen. Und es gibt nicht nur die Unmengen an privatwirtschaftlich erzeugten Daten, es gibt auch massenhaft öffentliche Daten. Sollten also die Datenbestände im Besitz des Staates nicht ebenso wertvoll sein und zur Verfügung stehen, um einen volkswirtschaftlichen Mehrwert zu erzeugen?

Die vor kurzem im Auftrage der Konrad-Adenauer-Stiftung publizierte Open-Data-Studie des Institute for Public Information Management kommt zum Ergebnis, dass allein die offenen Verwaltungsdaten in Deutschland einen volkswirtschaftlichen Mehrwert von 43.1 Mrd. Eur. p.a. erzeugen und 20.000 Arbeitsplätze schaffen können. Die Studie liefert damit ein starkes Argument, die systematische Bereitstellung offener Daten zu forcieren. Und viel mehr: Open Data kann Treiber des gesellschaftlichen Wandels sein und das Verhältnis von Staat, Bürger und Wirtschaft entscheidend prägen.

Der Umgang mit raumbezogenen Daten („Geodaten“) gewinnt in diesem Kontext zunehmend an enormer Bedeutung, denn bekanntermaßen haben ca. 80 Prozent aller politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsprozesse einen Bezug zum geographischen Raum.

Digitalisierung

Wenn heutzutage im Rahmen der Digitalisierung alle Prozesse und Reaktionen auf Echtzeit optimiert sind, ist der nächste folgende Schritt, dass es schneller als Echtzeit sein muss. Es geht damit um die Anwendbarkeit und Relevanz präziser Vorhersagen – und auch das selbstverständlich auf der Basis von Geodaten. Bereits heute arbeiten die Vordenker ihrer Branchen beim Data Mining mit so genannten Predictive Analytics. Aus immer größer werdenden Datenmengen erstellen sie mit den richtigen Werkzeugen und den richtigen Fragen präzise Vorhersagen über Kundenbedürfnisse, Produktanforderungen und Marktveränderungen. Unternehmen wollen komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge vorhersagen können, um bessere Entscheidungen zu treffen und sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Es gibt bereits jetzt eine ganze Reihe von Unternehmen, die ihre Prozesse auf Basis dieser Prognosen steuern. In wenigen Jahren wird das bereits Normalität sein.

Aber ob sich die hohen Erwartungen an diese Variante der digitalen Transformation wirklich erfüllen, hängt davon ab, wie wir die positive Dynamik nutzen werden. Zum einen lassen sich Datensammlungen natürlich nutzen, um in der „4.0-Welt“ Prozesse, Produkte, Energie- oder Verkehrsströme optimal zu steuern. Zum anderen wird es aber schwierig, sobald personenbezogene Daten ins Spiel kommen. Verbesserte Rahmenbedingungen sind dafür zwingend erforderlich, denn immer mehr durchdringt Big Data die Zivilgesellschaft.

Der technologische Wandel ist also mit eine der großen Herausforderungen für die Ingenieurinnen und Ingenieure. Daraus resultieren natürlich auch Forderungen der Ingenieurverbände, von denen ich hier nur zwei bespielhaft nenne:

Digitale Bildung

Aus Sicht der Ingenieure muss in Deutschland das Thema „Digitale Bildung“ wesentlich differenzierter in den Fokus genommen werden. Ein wichtiges Ziel hierbei muss unter anderem die Vermittlung von Kompetenzen sein, die für den Erfolg in Ausbildung und Beruf entscheidend sind, d. h. statt des Technologiehandlings muss vermehrt auch die Technologieverantwortung und -mitgestaltung in den Mittelpunkt gestellt werden. Aktuellen Studien zufolge werden in naher Zukunft rund 90% der Berufe diese digitalen Kompetenzen einfordern.

Infrastruktur

Leistungsstarke Infrastrukturen sind die Lebensadern unserer Gesellschaft. Der Ausbau der technischen Infrastruktur muss nach Ansicht der Ingenieure daher wesentlich stärker forciert werden. Für eine prosperierende Wirtschaft ist die flächendeckende Glasfaserversorgung essentiell. Derzeit liegt Deutschland im OECD-Vergleich bei der Versorgung mit Glasfaseranschlüssen lediglich auf Platz 28 von 32.

Ich könnte weitere drängende Themen nennen, beispielsweise nachhaltige Ökonomie, Klimaschutz oder auch den demografischen Wandel. All dies sind hochkomplexe öffentliche Fragen. Und obwohl diese uns direkt betreffen, wird der Beitrag unseres Berufsstandes zu ihrer Beantwortung nicht immer sichtbar.

Ingenieure braucht das Land!

Die Realisierung der Digitalen Transformation ist eine disruptive Zukunftsaufgabe, die größte Herausforderungen an uns alle stellt und Deutschlands wirtschaftliche Position auf dem Weltmarkt nachhaltig beeinflussen wird. Und wer die aktuellen Arbeitsmarktdaten verfolgt, der weiß: allen Meldungen ist seit geraumer Zeit eines gemeinsam: Ingenieure braucht das Land!

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, wenn wir Ingenieure unsere Potenziale noch besser vermitteln wollen, wenn wir unseren Berufsstand politisch und gesellschaftlich mehr in den Vordergrund rücken wollen, dann müssen wir auch übergreifende Themenfelder besetzen und uns damit auseinandersetzen und gemeinsam mit Inhalten füllen!

…meint Ihr Wilfried Grunau