Schöne neue Welt?

Nein, dieses Editorial ist keine Hommage an den gleichnamigen dystopischen Roman von Aldous Huxley. Obwohl: die Digitalisierung ist bereits über uns gekommen und nicht wenige prophezeien der Welt die gläserne Big Data Gesellschaft mit allen daraus erwachsenden Vor- und Nachteilen. Je nach Standpunkt und Zielsetzung positiv bzw. negativ begründet mit mehr oder weniger fachlicher und/oder politischer Kompetenz und belegbaren Beispielen. Dies zuweilen durchaus auch mit wechselnden Rollen, frei nach Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“. Der Philosoph Peter Sloterdijk spricht in diesem Kontext gar von der „hybriden Synthese aus technischem Avantgardismus und ökokonservativer Mäßigung“[1]. Was also wollen wir wirklich und was erwarten wir von der Zukunft?

Die Zukunft sicher vorhersagen, das kann niemand von uns. Wir dürfen und sollten uns aber die Frage stellen, welche Herausforderungen uns zukünftig erwarten und wie wir die Veränderungsprozesse aktiv mitgestalten können. Und wir müssen diese Fragen nicht allein im stillen Kämmerlein beantworten, sondern können dazu beispielsweise die oft beschworene Schwarmintelligenz einer vernetzten Welt zu Rate ziehen. Die Veränderungen, Trends und Megatrends, sind allgegenwärtig und nahezu jedem zugänglich; sie prägen in beängstigender Konsequenz unsere alltägliche Gegenwart. Umso wichtiger sollte es also für jeden von uns sein, die Zukunft aktiv mit zu entwickeln.

„Und wo sehen Sie sich in fünf Jahren?“ Diese aus Bewerbergesprächen bekannte Frage gewinnt vor diesem Hintergrund eine völlig neue Bedeutung, denn wer die Anzeichen bevorstehender Veränderungen rechtzeitig erkennt, kann diese Umbrüche nicht nur abfedern, sondern daraus zugleich neue Chancen identifizieren und damit den Übergang zu etwas Neuem weisen. Der schnelle technologische Wandel und kurze Innovationszyklen, gerade im Bereich digitaler Techniken und Anwendungen, machen lebenslanges Lernen zu einem unabdingbaren Erfordernis. Das Lernen im Kontext der zunehmenden Digitalisierung von Gesellschaft und Arbeitswelt sowie das kritische Reflektieren darüber sind im Übrigen integrale Bestandteile des Bildungsauftrages[2]. Damit dieser Auftrag in der digitalen Welt gelingt, sind jetzt relevante Weichenstellungen vorzunehmen – dies insbesondere pädagogisch, didaktisch und natürlich technisch-infrastrukturell.

Wir haben derzeit viele Herausforderungen vor uns: Vernetzte Städte, Smart Home, Shared Economy und autonome Fahrzeuge, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, werden in wenigen Jahren zu unserem Alltag gehören. Und die Lösungen der Zukunft haben eines gemeinsam: Sie basieren überwiegend auf digitalen Technologien und erfordern Fachkräfte mit entsprechenden digitalen Kompetenzen. Aber: Deutschland hat seit einiger Zeit ein beachtliches Fachkräfteproblem, insbesondere im MINT-Bereich. Inzwischen werden zwei Drittel aller offenen Stellen in Engpassberufen ausgeschrieben[3]. Das wirkt sich äußerst hemmend auf unsere Wettbewerbsfähigkeit, unsere Innovationskraft und unser Wachstum aus. Zwar verfügen wir über große Stärken und Deutschland ist – mit Abstrichen – durchaus auch attraktiv für ausländische Talente, allerdings ist unsere kulturelle Ambiguitätstoleranz meines Erachtens an dieser Stelle durchaus noch steigerungsfähig. In diesem Zusammenhang möchte ich zum wiederholten Mal auf den Wirtschaftswissenschaftler Richard Florida verweisen[4]: Für ihn sind für die Entwicklung einer Wirtschaft Menschen mit technologischer und ökonomischer Kreativität von großer Bedeutung. Florida sah die positiven Wechselwirkungen zwischen Talent, Technologie und Toleranz[5]. Dem gegenüber aber steht auch die sozioökonomische Segregation mit ihren zum Teil fatalen Folgen: keine Bildung, kein Job.

Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang daher die Feststellung: Nicht die Digitalisierung vernichtet Arbeitsplätze, sondern falsche Entscheidungen vernichten sie! Die optimale Förderung des Nachwuchses ist nur eine der Optionen, die Integration möglichst vieler Menschen in den Arbeitsmarkt eine andere. Voraussetzung aber dafür ist ein hohes Bildungs- und Qualifikationsniveau. In der Digitalisierung steckt also durchaus auch ein erheblicher sozialer Sprengstoff, wenn es uns nicht gelingt, das Chancenpotenzial optimal zu nutzen. Die Dringlichkeit ist sowohl auf politischer, auf Management- wie auch auf Arbeitnehmer-Ebene gegeben. Hier bedarf es erheblicher kreativer Anstrengungen – auch im zitierten Sinne von Richard Florida. Eine möglichst hochwertige und vor allen Dingen lebenslange Bildung ist aus meiner Sicht eines der zentralen Elemente, um die sozialen Folgen dieser Entwicklung in die richtige Richtung zu kanalisieren.

Wir Geodäten spielen bei der Bewältigung dieser gesellschaftlichen Herausforderungen eine sehr zentrale Rolle. Seien es die bereits genannten technischen Umwälzungen, seien es beispielsweise Klima- und Umweltthemen oder auch der demographische Wandel. Dass wir Geodäten gebraucht werden, ist uns, den Fachleuten, natürlich klar, hilft aber nur bedingt weiter, denn gerade unser Berufsfeld ist in der bereits zitierten iw-Studie wie auch vom Bundeswirtschaftsministerium als Engpassberuf eingestuft worden[6]. Wir müssen daher noch intensiver an unserer Selbstvermarktung arbeiten und unser Berufsfeld noch mehr im Kontext der neuen, spannenden Arbeitsfelder darstellen. Wir müssen die hohe gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung geodätischer Expertise noch mehr in den öffentlichen Fokus rücken und wir müssen das Berufsfeld der Geodäsie insgesamt als Ingenieurdisziplin zur Lösung wichtiger gesellschaftlicher Fragen noch zukunftsfähiger machen. Im fachlichen Verbund mit den Nachbarverbänden der Geodäsie und berufspolitischer Unterstützung des Zentralverbandes der Ingenieurvereine (ZBI) haben wir hierfür die besten Voraussetzungen.

Wir haben – sportlich gesprochen – keinen Sprint vor uns, sondern einen Marathon. Hier gilt es sehr vorausschauend zu planen und zu agieren. In diesem Sinne rechne ich mit Ihnen, dass wir gemeinsam Lösungen finden für die Themen unserer Zeit.

Ihr

Wilfried Grunau
 


 


  1. [1] Peter Sloterdijk: Was geschah im 20. Jahrhundert? Suhrkamp Verlag. Berlin, 2016
  2. [2] Kultusministerkonferenz (KMK): Bildung in der digitalen Welt. Berlin, 2016
  3. [3] Institut der deutschen Wirtschaft: Fachkräfteengpässe in Unternehmen. Köln, 2017
  4. [4] Wilfried Grunau: Perspektiven. BoD-Verlag. Norderstedt, 2017
  5. [5] Richard Florida: The Rise of the Creative Class. Basic Books, 2003
  6. [6] Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi): Fachkräfteengpässe in Unternehmen. Berlin, 2014