Den Wandel gestalten

Dass unsere Welt sehr fragil ist, wissen wir alle. „Nichts ist weniger unschuldig, als den Dingen ihren Lauf zu lassen“, sagte der französische Sozialphilosoph Pierre Bourdieu einmal. Und Recht hatte er.

In einer globalisierten Welt wie der unsrigen ist es wichtig, den Umgang mit Vielfalt zu üben und den gesellschaftlichen Diskurs zu pflegen. Wir leben aktuell in einer Phase umfassender technologischer, ökonomischer, sozialer und kultureller Umbrüche. Beispiele hierfür sind der Klimaschutz, die Digitalisierung ebenso wie die „Trumpisierung“ der Welt.

Diese Umbrüche stellen unser Selbstbild als Menschen sowie unser Selbstverständnis als Gesellschaft infrage. Und die Grundverfasstheit unserer Gesellschaft macht die aktuelle Diskussion außerordentlich schwierig. Selten war so viel von Wertewandel, Werteverlust und Orientierungslosigkeit die Rede wie heute. Glaubte man denen, die so reden, stünde es tatsächlich schlecht um unsere Gesellschaft, taumelte diese ihrer Selbstauflösung entgegen, zumindest aber einem Zustand, in dem die alten Orientierungen nicht mehr halten und neue nicht in Sicht sind, in dem die alten Werte nicht mehr gelten und neue kein gesellschaftliches Glück versprechen.

Was aber sind die Kennzeichen einer moralischen und zugleich toleranten gesellschaftlichen Transformation? Welche Impulse lassen sich aus historischen Erfahrungen daraus ziehen? Und wie kann den Ängsten, die diesen Transformationsprozessen gegenüberstehen, begegnet werden? Der Philosoph Karl Popper hat dazu vom Trauma des Übergangs aus der Stammes- oder „geschlossenen Gesellschaftsordnung“, die magischen Kräften unterworfen ist, zur „offenen Gesellschaftsordnung“, die die kritischen Fähigkeiten des Menschen freisetzt, geschrieben. Freiheit kann ungemütlich werden, kann Angst machen, kann Menschen überfordern und die Sehnsucht nach der Rückkehr in eine geschlossene Gesellschaft nähren, die alle ihre Kraft dazu verwendet und verschwendet, sich nach außen abzuriegeln.

Der Schock dieses Übergangs von der geschlossenen in die offene Gesellschaft ist, so Poppers Vermutung, der entscheidende Faktor, der immer wieder jene reaktionären Bewegungen ermöglicht, die auf den Sturz der Zivilisation und auf die Rückkehr der Stammesgebundenheit hingearbeitet haben und noch hinarbeiten. Wer meint, das Böse sei ein für alle Mal überwunden, weil doch jeder Vernünftige einsehen müsse, dass und wie er von einer offenen Welt profitiere, in der er nach seinen Wünschen leben, frei sein und reich werden kann, und dass jedermann schon aus purem Egoismus diese Freiheitsrechte allen anderen ebenfalls zubilligen müsste, sieht sich getäuscht.

Ein gelungener Umgang mit Vielfalt bedeutet im Minimalfall, Konflikte gewaltfrei zu regeln. Im Idealfall heißt es, dass sich Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Identitäten in gleichem Maße zur Gesellschaft zugehörig fühlen, die gleiche Chance auf Wohlstand haben, politisch Gehör finden und untereinander wertschätzende Beziehungen pflegen. Daraus leitet sich die Verantwortung ab, Vielfalt nicht bloß zu tolerieren und passiv zu ertragen, sondern sie anzuerkennen und aktiv zu gestalten. Grundlage dafür ist beispielweise ein Verständnis, wie Märkte und Wirtschaftsorganisationen in historische, politische und kulturelle Zusammenhänge eingebettet sind, wie sie entstehen und wie sich ihre gesellschaftlichen Grenzen verändern.

Schauen wir uns einmal an, was eine Grenze bewirkt: Sie lässt das eine enden, gleichzeitig das andere beginnen und umgekehrt. Und sie verleiht beiden Bereichen Kontur und Gestalt. Vor allem macht sie das eine vom anderen unterscheidbar – oder: Sie behauptet diese Unterschiede. Das ist das Eigentliche, das Grenzen interessant macht. Wenn ich in diesem Kontext also von Grenzen spreche, spreche ich von Unterscheidungen. Ohne Grenzen wäre nichts wahrnehmbar. Sie sind die Voraussetzung jeder menschlichen Erkenntnis. Denn jede Erkenntnis beginnt mit einem entscheidenden Akt: zu verstehen, dieses ist nicht jenes. Aber, und das gehört zu jeder Grenzerfahrung: Man kann auch falsche Unterscheidungen treffen. Nicht die Grenze ist das Problem, sondern ob diese Grenze an dieser Stelle sinnvoll und notwendig ist. Und über Grenzen wird bekanntlich seit Menschengedenken gestritten. Die eigenen, wie die fremden. Grenzen zu ziehen wird immer ein Balanceakt bleiben – in der Politik und in der Pädagogik, im Denken und im Leben.

Grenzen als menschengemachte Konventionen sind nie absolut, sondern machen die Grenzüberschreitung immer möglich. Sie senden stets das Signal: Dahinter ist auch noch etwas, warum gehst du nicht auf die andere Seite? Grenzen reizen also die menschliche Neugier und den Trieb weiterzugehen; um mit Goethes Faust zu sprechen: herauszufinden, was die Welt im Innersten zusammenhält. Unser Alltag ist von sozialen Grenzen durchzogen. Sie sind häufig so selbstverständlich geworden, dass wir ihnen kaum mehr Aufmerksamkeit schenken. Meist handelt es sich zunächst nur um symbolische Grenzen, das heißt sprachliche Etikettierungen zur Kategorisierung von Menschen, Praktiken, Objekten, Zeit und Raum. Zu sozialen Grenzen werden sie erst in dem Maße, wie sie bestimmte Handlungsweisen motivieren und mit ungleichem Zugang zu Ressourcen und beispielsweise deren Verteilungen einhergehen.

„The electric light did not come from the continuous improvement of candles“. Dieses dem Wirtschaftswissenschaftler Oren Harari zugeschriebene Zitat beschreibt meines Erachtens sehr gut einen Ansatz für ein zielorientiertes und kreatives Handeln: Wollen wir innovativ sein, so müssen wir außerhalb der von uns selbst gesetzten Grenzen und Konventionen denken und handeln. Und zweifellos werden wir in diesem Kontext auch über einen Wertewandel in unserer Gesellschaft nachdenken müssen.

Themen gibt es en masse: So bringt beispielsweise der Klimawandel als menschengemachte Naturkatastrophe neue Herausforderungen für unsere Gesellschaft mit sich. Wir müssen uns damit auseinandersetzen und wir müssen unsere Lebensweise verändern. Wir haben es hier mit einer großen sozialen und kulturellen Transformation zu tun, die man vergleichen kann mit der Phase der Industrialisierung, als fossile Energien in den Mittelpunkt traten und sich ein Gesellschaftsmodell einstellte, was wir als Carbon Society – als eine Gesellschaft, die im Wesentlichen auf der Verbrennung dieser Rohstoffe beruhte – bezeichnen. Ich könnte weitere drängende Themen nennen, beispielsweise nachhaltige Ökonomie, die Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz oder auch den demografischen Wandel. All dies sind hochkomplexe öffentliche Fragen. Und obwohl diese uns direkt betreffen, wird der Beitrag des Berufsstandes der Ingenieurinnen und Ingenieure zu ihrer Beantwortung nicht immer sichtbar. Wenn wir Ingenieur_innen unsere Potenziale noch besser vermitteln wollen, wenn wir unseren Berufsstand politisch und gesellschaftlich mehr in den Vordergrund rücken wollen, dann müssen wir auch übergreifende Themenfelder besetzen und uns damit auseinandersetzen und gemeinsam mit Inhalten füllen. Ich denke, dass es hier durchaus einigen Diskussionsbedarf gibt, bin mir aber gleichzeitig auch sicher, dass wir die richtigen Themen bereits im Fokus haben. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat formuliert: „Wandel ist nicht sinnlose Beschleunigung, sondern ein zunehmendes Gestaltungsbewusstsein über die Welt.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Zeit!

Ihr

Wilfried Grunau